Es ist ein kalter Silvesterabend im Jahr 1901, als in Oerlinghausen etwas geschieht, das die Menschen so noch nie erlebt haben: 34 Straßenlaternen tauchen den Ort erstmals in elektrisches Licht. Für viele ist es kaum zu glauben – ein Moment zwischen Staunen und Aufbruch. Was damals als technisches Wunder begann, ist heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Doch dieser Moment kommt nicht von ungefähr. Bereits Monate zuvor hatte sich in Oerlinghausen etwas Entscheidendes getan: Mit der Gründung der „Elektrizitätswerk Oerlinghausen GmbH“ am 23.08.1901 legen engagierte Bürger:innen und Verantwortliche der Firma Körting den Grundstein für eine neue Form der Versorgung. In nur kurzer Zeit entsteht auf dem Gelände der heutigen Stadtwerke eine Sauggasanlage, die für damalige Verhältnisse hochmodern ist. Mit technischem Pioniergeist, Mut zur Investition und dem festen Willen, die Zukunft der eigenen Stadt selbst in die Hand zu nehmen, wird hier etwas aufgebaut, das weit über die damalige Zeit hinausweist.
Als dann die ersten Lampen aufleuchten, wird aus dieser Entscheidung sichtbare Wirklichkeit. Licht wird zum Symbol für Fortschritt, Sicherheit und die Idee, dass sich das Leben der Menschen durch gemeinsame Anstrengung verbessern lässt.
Doch die Geschichte der Stadtwerke Oerlinghausen ist mehr als die Geschichte vom Strom. Sie ist die Geschichte einer Stadt, die wächst, sich verändert und immer wieder neue Lösungen findet.
Wasser, Gemeinschaft und erste Orte des Lebens
Noch bevor Versorgung flächendeckend organisiert ist, entstehen in Oerlinghausen Orte, an denen sich das Leben bündelt. Bereits 1895 – also noch vor der Elektrifizierung – wird im Schopketal das sogenannte Schopkebad angelegt. Ein einfacher Badeteich, gespeist aus Quellwasser, wird schnell zum Treffpunkt der Menschen aus Oerlinghausen und Umgebung. Hier wird nicht nur gebadet, sondern gelebt: Man trifft sich, verbringt Zeit miteinander, genießt die Natur. Diese Verbindung von Versorgung, Infrastruktur und Lebensqualität zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stadtwerke.
Nur wenige Jahre nach dem ersten elektrischen Licht wird deutlich, wie existenziell eine verlässliche Versorgung ist. Im Sommer 1911 herrscht extreme Trockenheit, Wasser wird knapp und streng rationiert. Für viele Familien bedeutet das: nur zwei Eimer Wasser pro Tag. Die Antwort der Gemeinde ist ebenso mutig wie richtungsweisend – der Bau eines eigenen Wasserwerks im Schopketal. Für das damalige Dorf ein enormes Vorhaben, doch es legt den Grundstein für eine sichere Versorgung, die bis heute trägt.
Dort, wo zuvor Freizeit stattfand, entsteht nun die Grundlage für die Trinkwasserversorgung. Aus einem Ort der Begegnung wird zugleich ein Ort der Sicherheit.
Wachstum und Aufbruch: Eine Stadt entwickelt sich
In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich aus einzelnen Versorgungsansätzen Schritt für Schritt ein kommunales Unternehmen. Mit der Stadtwerdung 1926 erhält Oerlinghausen erstmals Einfluss auf die Energieversorgung, 1947 werden schließlich die Stadtwerke Oerlinghausen als Eigenbetrieb gegründet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt der eigentliche Ausbau. Leitungen werden gezogen, Anschlüsse geschaffen, Netze wachsen. Ende der 1940er Jahre versorgen die Stadtwerke bereits tausende Menschen, das Stromnetz umfasst rund 30 Kilometer.
Gleichzeitig entstehen Orte, die für viele Bürger:innen prägend werden. Das Freibad am Kalkofen, bereits 1936 eröffnet, entwickelt sich nach dem Krieg zum lebendigen Mittelpunkt der Stadt. Hier trifft man sich, hier verbringt man Sommertage, hier entstehen Erinnerungen. Generationen lernen schwimmen, die DLRG engagiert sich, und Veranstaltungen wie die „Nacht der 1.000 Lichter“ machen das Freibad zu etwas ganz Besonderem.
Während sich das Leben im Freibad abspielt, arbeiten die Stadtwerke im Hintergrund daran, die Versorgung stetig zu verbessern. 1953 erfolgt die Umstellung von Gleich- auf Wechselstrom – ein technischer Durchbruch, der die Effizienz erhöht und die Grundlage für weiteres Wachstum schafft. Leitungen verschwinden unter der Erde, die Versorgung wird unsichtbarer und gleichzeitig zuverlässiger.
Neue Energie und mehr Verantwortung
Mit dem Wachstum der Stadt in den 1960er Jahren steigt auch der Bedarf an Energie, Wasser und Wärme. Neue Stadtteile entstehen, das Leben wird moderner.
In den folgenden Jahrzehnten setzen die Stadtwerke immer wieder neue Impulse. 1977 wird aus dem Eigenbetrieb eine GmbH, die Verwaltung wird moderner und leistungsfähiger. Die Wasserversorgung wird weiter ausgebaut, neue Hochbehälter entstehen und sichern die Versorgung langfristig.
Gleichzeitig entwickeln sich auch die Bäder weiter. Das Freibad wird modernisiert und bleibt über Jahrzehnte ein zentraler Ort für Freizeit und Begegnung. Ergänzt wird es durch das Hallenbad, das ganzjährig das Schwimmen ermöglicht und besonders für Schulen, Vereine und Familien unverzichtbar wird.
1988 markiert einen besonders prägenden Meilenstein: die Übernahme der Fernwärmeversorgung in Oerlinghausen. Die Wärme wird zentral erzeugt und verteilt. Ein Konzept, das nicht nur Komfort schafft, sondern auch den Weg für effizientere Energieversorgung ebnet.
Ein weiterer entscheidender Schritt folgt 1989: Das Heizwerk wird zum Heizkraftwerk. Strom und Wärme werden nun gleichzeitig erzeugt – effizient und ressourcenschonend. Die Kraft-Wärme-Kopplung sorgt dafür, dass Energie besser genutzt wird und weniger verloren geht. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit – lange bevor dieser Begriff allgegenwärtig wird. Mit Blockheizkraftwerken in den Jahren danach wird dieses System weiter ergänzt. Seit dem 01.01.1994 liegt die Betriebsführung des Abwasserwerks Oerlinghausen in den Händen der Stadtwerke, die damit auch diesen wichtigen Bereich der kommunalen Versorgung verantwortungsvoll übernehmen.
Im Dezember 1997 wird im Oerlinghauser Heizkraftwerk ein Meilenstein erreicht: Mit der Inbetriebnahme des Erdgas-Otto-Motors werden die Kapazitäten zur Strom- und Wärmeerzeugung deutlich ausgebaut. Bis heute steht damit einer der größten in Deutschland betriebenen Erdgas-Otto-Motoren im Oerlinghauser Heizkraftwerk. Kurz darauf folgt ein weiterer Schritt, der den Alltag vieler Menschen verändert: 1998 nimmt der Stadtbus Oerlinghausen seinen Betrieb auf. Plötzlich sind Wege einfacher, Verbindungen besser, die Stadt wächst enger zusammen. Mobilität wird Teil der kommunalen Versorgung – genauso selbstverständlich wie Strom oder Wasser.
Heute und morgen: Für die Menschen da
Mit dem neuen Jahrtausend beginnt eine Phase der Modernisierung. Die Verwaltung wird ausgebaut, das Gebäude an der Rathausstraße erneuert und offener gestaltet. Gleichzeitig gehen die Stadtwerke digital neue Wege, etwa mit einer eigenen Webseite. Parallel dazu entwickeln die Stadtwerke ihre Energieversorgung weiter. Mit dem Holzheizkraftwerk ab 2005 wird die Fernwärme nachhaltiger.
2006 übernehmen die Stadtwerke die Betriebsführung für die Bäderbetriebe und sanieren 2010 das Hallenbad grundlegend. 2016 werden die Oerlinghauser Bäder vollständig auf die Stadtwerke übertragen. Doch auch liebgewonnene Orte müssen sich verändern. Nach Jahrzehnten intensiver Nutzung wird das Freibad am Kalkofen schließlich 2022 geschlossen, um Platz für eine moderne, nachhaltige Neugestaltung zu schaffen.
Auch der öffentliche Nahverkehr wächst weiter: Haltestellen werden modernisiert, ein Nachtbus ergänzt das Angebot und neue Mobilitätsformen wie die „LIMO“ kommen hinzu. Erste Ladesäulen entstehen und die Stadtwerke bieten die ersten drei öffentlichen Lademöglichkeiten für Elektroautos an.
Ein sichtbares Zeichen für die Zukunft ist das neue Umspannwerk, das 2022 in Betrieb geht. Es erhöht die Leistung, verbessert die Versorgungssicherheit und ermöglicht die direkte Einspeisung regional erzeugter Energie.
Heute sind die Stadtwerke Oerlinghausen weit mehr als ein Versorger. Sie sind Teil des täglichen Lebens – beim Licht im Wohnzimmer, beim Wasser aus dem Hahn, bei der Wärme im Winter, auf dem Weg zur Arbeit und zur Post oder beim Sprung ins kühle Nass. Und während sich Technik und Anforderungen immer weiter verändern, bleibt eines gleich: der Anspruch, für die Menschen in Oerlinghausen da zu sein. Gestern. Heute. Und in Zukunft.